Abschiedsbrief von Joachim Böhme

 am 12. April 1945

Meine lieben, lieben Kinder!

Es war einmal eine schöne, schöne Friedenszeit. Da lebten die Leute in Ruhe und kannten keine Bomben, keine Luftschutzkeller, keine Verdunklung und keine Lebensmittelmarken. Die Väter waren alle zu Hause, sie konnten morgens mit der Mutter und den Kindern am Kaffeetisch sitzen, zu Mittag waren sie wieder alle beieinander, und der Vater war auch dabei. Wenn er Zeit hatte, da ging er mit seinen Kindern und der Mutter spazieren. Da gingen die Kinder im Wäldchen Ostereier suchen, und der Vater konnte sich mit ihnen freuen. Am Sonntag gab es eine große Wanderung. Da saß man am Waldrand, und aus Vaters Rucksack kamen Grießbrei mit schöner Marmelade und aus Mutters Tasche schöne Plätzchen zum Vorschein. Der Vater stieg mit den Großen den steilen Weg zur Burg hinauf, während die Mutter mit den kleinen unten auf dem Rasen sitzen blieb und hinterher sich erzählen ließ, was es da oben Schöne zu sehen gegeben hatte. Wenn Vater Zeit hatte dann las er den Kindern schöne Geschichten vor oder spielte mit ihnen mit der Burg, oder sie saßen alle zusammen um den Tisch herum und spielten das Fliegerspiel und die kleine Gertrud stand in ihrem Bettchen und schaute fröhlich jauchzend zu. Am schönsten aber war es am Abend. Wenn Vater Zeit hatte, daran half er die Kinder ausziehen und waschen. Sie sangen alle zusammen "Der Mond ist aufgegangen ... " oder "Alle Jahre wieder ..." und schließlich gingen Mutter und Vater von einem Bett zum anderen und sagten den lieben Kindern gute Nacht. Und dann sagte schließlich der große Helmut: "Ich freue mich weil heute so ein schöner, schöner Tag war!"
Und dann kam der Krieg, und Vater wurde Soldat. Und es kamen Flieger, und Bomben fielen, und alle mußten bei Nacht in den Keller. Da war es gar nicht mehr so schön. Aber wenn Vater in Urlaub kam, dann war es fast so schön wie im Frieden. Vorlesen und Spielen und Wanderungen und Gute-Nacht-Sagen. Wenn Vater dann wieder wegfuhr, gingen alle mit zum Bahnhof und alle wollten mit an den Zug hinüber, keiner wollte bei der kleinen Gertrud und ihrem Wagen bleiben.
Und dann kam eine Zeit, da gab es keinen Urlaub mehr: Vater kam ein Vierteljahr lang nicht, ein halbes Jahr, ein ganzen Jahr! Die Kinder wurden groß, der kleine Walter wurde geboren und getauft. er konnte schon gehen alle freuten sich über ihn - und der Vater hatte ihn noch nicht gesehen!
Vater kam nicht mehr in Urlaub" aber es kamen, doch noch seine Briefe, und die Kinder liefen zu Mutter "Ein Brief von Vater!" Und alle freuten sich. Und dann kamen auch keine Briefe mehr, und Mutter konnte nicht mehr an Vater schreiben.
Und zuletzt kamen die Amerikaner. 
Da ist die Geschichte zu Ende, denn weiter kann ich nicht erzählen. Wie fing die Geschichte an? “Es war einmal …” wie ein Märchen. Es war so schön wie im Märchen, damals, als noch alle zusammen sein konnten im Frieden!
Und warum habe ich Euch nun die Geschichte erzählt? Werdet Ihr mir nicht traurig, wenn Ihr daran denkt? Nein, das sollt Ihr nicht! Aber Ihr sollt auch die Zeit nicht vergessen und sollt unserem lieben kleinen Walter recht viel davon erzählen, damit er, der seinen Vater nicht gesehen hat, ihn doch auch kennt. Und Ihr alle, meine lieben, lieben Kinder, sollt die Zeit in Eurem Elternhaus nicht vergessen, sondern sollt sie Euch zum Vorbild nehmen. Denkt daran, wie Mutter auch immer fröhlich und tapfer blieb, wenn es schwer war, und wie sie gearbeitet hat immer und immer. Und so werdet auch Ihr! So schön wie früher zuhaus im Frieden wird es nie wieder werden. Deshalb müßt Ihr alle umso tapferer sein, “damit Vater und Mutter sich freuen können”, wie Gerhard immer sagt. Wenn Ihr immer denkt: “Würde sich Mutter jetzt über mich freuen? Würde sich Vater über mich freuen?” dann werdet Ihr schon alles recht machen und werdet tüchtige deutsche Menschen, die durch kein Unglück und keine Not sich unterkriegen lassen. Lebt wohl: Helmut, Elisabeth, Gerhard, Gertrud und Walter!

Euer lieber Vater.


Kommentar nach gut 80 Jahren:

 "So schön wie früher zuhaus im Frieden wird es nie wieder werden", schreibt Joachim, der seine Kindheit im Pfarrhaus in Lossa zugebracht hat, aber bald schon in der Schulzeit neun Jahre im Internat der Landesschule Pforta, deren menschenbildende Kraft er später gerühmt hat und deren Arbeitsweise er in seiner Assessorenarbeit Die Pförtner Erziehung von 1931 beschrieben hat.

Diese Friedenszeit, in der er 1934 geheiratet hat, in der 1935 und 1937 seine ersten Kinder geboren wurden, war für ihn sicher eine der schönsten Zeiten seines Lebens, es war aber auch die Zeit des NS-Staates, der ihn in den Krieg schickte, der ihn dann das Leben kostete.

"Nie wieder so schön" hat für ihn sicher gestimmt, und seine Kinder waren ihm gegenüber sehr bevorzugt. In der Zeit, wo mit dem Ukrainekrieg und dem Gazakrieg Kriegsgeschehen  für Deutschland sehr nahe gerückt ist und Demokratie gefährdet scheint, ist der Hinweis, was Friede bedeutet, wieder aktueller geworden.

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