Joachim
Studienrat Dr. Joachim Max Kurt Böhme (11.1.1904 - 20.4.1945), 2. Sohn von Erich Böhme
Die Seele und das Ich im homerischen Epos (einige wenige Zitate und ein Verweis auf Erwähnungen im Internet)
Abschiedsbrief an seine Kinder 1945
Finnlandbericht 1942
Welche Eindrücke empfing ich von Land und Leuten in Finnland?
Es ist das Schicksal des Flaksoldaten, in der Öffentlichkeit verkannt zu werden. Erst hat man uns verspottet, weil wir zu wenig Flugzeuge abschießen. Jetzt beginnt man, die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs allmählich einzusehen, aber von dem Leben in einer Flakstellung hat man doch noch sehr verkehrte Vorstellungen. Man sieht, daß von uns nicht solche körperlichen Leistungen gefordert werden wie von anderen Truppengattungen, und sagt uns ein "bequemes Leben" nach, ohne zu ahnen, daß auch dieses "bequeme Leben" seine Schattenseiten hat. Die Notwendigkeit, ständig binnen wenigen Minuten feuerbereit zu sein, im Gegensatz dazu die Seltenheit wirklicher Gefechtstätigkeit, die nach Tagen, Wochen, vielleicht Monaten des Wartens sich doch wieder auf nur wenige Minuten zu beschränken pflegt: dieses Leben in seiner scheinbaren Sinn- und Nutzlosigkeit, ist gerade für den Soldaten, der sich nach Einsatz und Bewährung sehnt, vielleicht manchmal schwerer zu ertragen, als ein richtiger Einsatz es wäre. In dieser erzwungenen Untätigkeit trotzdem jeden Augenblick wachsam und bereit zu sein, das bedeutet eine wahrhaftig nicht geringe Nervenbelastung. Diese Lebensordnung des Flaksoldaten, der den natürlichen Rhythmus des "saure Wochen, frohe Feste" noch weniger als andere Soldaten kennt, habe ich persönlich sehr deutlich erfahren, und ich bin mir bewußt, daß ich die Eintönigkeit des Stellungslebens in ruhigen Zeiten sehr viel schwerer ertragen hätte ohne das Gegengewicht einer geistigen Beschäftigung. Diese ergab sich ganz natürlich aus dem Leben im fremden Land, unter einem fremden Volk. Allerdings ist der Flakartillerist in seinen Erfahrungsmöglichkeiten wieder stark beschränkt. Er liegt nie im Privatquartier, wo er die Menschen wirklich kennen lernen kann. Er sieht sie fast nur an seinem Tagesurlaub, und auch da vorwiegend eine begrenzte, noch dazu entwurzelte Schicht. Ist also die Möglichkeit unmittelbarer Berührung mit der Bevölkerung verhältnismäßig beschränkt, so bietet gerade die Ruhe und freie Zeit im Stellungsleben eine gute Möglichkeit zu theoretischer Beschäftigung mit Kultur und Geschichte des Landes. Diese Gelegenheit habe ich nach Kräften ausgenutzt, und so haben mir die 1 1/2 Jahre, die wir in Belgien lagen, eine wesentliche Bereicherung gebracht, und auch während des Einsatzes in Finnland habe ich versucht, durch Bücher mir vermitteln zu lassen, was in unmittelbarer Erfahrung nicht zu gewinnen war. Denn so lebhaft das Interesse war, das wir wohl alle diesem Land entgegenbrachten, so bescheiden waren die Gelegenheiten, unseren "Wissensdurst" zu stillen. So kann alles was ich im folgenden aus persönlicher Erfahrung darzustellen versuche, nur subjektive Gültigkeit beanspruchen.
Wir fuhren von Antwerpen, einer Stadt, deren Züge durch die deutsche Hanse mit geprägt sind, in rascher Fahrt quer durchs Reich, durch Litauen, Lettland, Estland, und als wir nach mehreren Tagen in Reval den Zug zum ersten längeren Aufenthalt verließen, da standen wir wieder auf dem Boden einer “deutschen“ Stadt, deren eindeutig deutscher Charakter durch die aufgeklebten estnischen Inschriften und die russische Kirche auf dem Domberg fast mehr unterstrichen als überdeckt wird. Das war der erste starke Eindruck unseres Transportes nach Finnland: die gewaltige Weite des Raumes, den das deutsche Volk im Mittelalter kulturell und wirtschaftlich umspannte, dabei ein so eindeutig östliches Land wie Litauen (das zeigte schon die bloße Durchfahrt) überspringend. Wenige Stunden reichten aus, um diesen gefühlsmäßigen ersten Eindruck durch die Fülle deutscher Monumente und Inschriften in den Revaler Kirchen und durch Dokumente in der Ausstellung der Silberkammer zu bestätigen: die Handschrift des in Reval gültigen Lübischen Rechts, Briefe von Ordens-Hochmeistern, von deutschen und sogar Brüggeschen Kaufleuten und sogar ein Brief Luthers, der nach Reval gerichtet war. Daß die Esten bei all ihrem Selbständigkeitsgeschrei auch in der Gegenwart (und zwar eindeutig vor 1941 !) von deutscher Kultur sich nicht haben freimachen können, zeigte ein Blick in die Buchhandlungen, in denen jede Art wissenschaftlichen Schrifttums, vom Lehrbuch über die Kleintierzucht bis zum medizinischen Handbuch, in deutscher Sprache zu sehen war.
Die Überfahrt nach Helsinki bedeutete nicht nur äußerlich den entscheidenden Einschnitt. Schon die ersten Eindrücke von dem Land und seiner Kultur zeigten eine neue, unbekannte Welt. Die Schären, die uns schon lange vor Einfahrt in den Hafen begleiteten, die im Stadtbild von Helsinki immer wieder durchbrechenden Granitfelsen, der echt amerikanische Großmühlenbau am Hafen, die Kuppel der Stadtkirche, von der man nicht weiß, welchem Baustil man sie eigentlich zurechnen soll; das alles waren damals bloße Einzeleindrücke, die aber allmählich sich als typische herausstellten und die Behauptung von der Fremdartigkeit des Landes unterstreichen. Die Stadtkultur, durch Helsinki dargestellt, lernten wir damals noch nicht kennen.
Dagegen wurde die Landschaft uns bald, trotz ihrer eigenartigen Strenge, vertraut. Wir erwarteten "das Land der 1000 Seen" und mußten doch ziemlich lange ausschauen, bis wir den ersten See zu Gesicht bekamen. Andere Eigentümlichkeiten der Landschaft offenbarten sich viel eher: das Fehlen größerer Erhebungen, die Seltenheit der Felder, das Vorherrschen des Waldes mit seiner Dreiheit von Nadelbäumen (Kiefer und Fichte), Birke und Erle (die übrigens nicht in einzelnen Schlägen getrennt, sondern stets durcheinander stehen), das überall durch das Grün des Waldes durchstoßende Graubraun des Felsenuntergrundes. Aber als wir einmal den ersten See entdeckt hatten, merken wir bald, daß das Wort von den 1000 Seen "untertrieben" ist und daß man wohl kaum einen Blick auf ein größeres Stück finnischen Landes haben wird, ohne daß ein See oder wenigstens eine Bucht das Bild durchschneidet, deren Fläche ihrerseits durch Inseln und Inselchen unterbrochen wird.
Auch die Siedlungs- und Bauweise ließ schon auf der ersten Fahrt sich so deutlich erkennen, daß später kaum noch etwas zuzulernen blieb. Die Holzhäuser, sehr oft in Einzelgehöften, aber auch in geschlossenen Siedlungen zu beobachten, geben der herben Landschaft durch ihren freundlichen braunroten Anstrich und die weißen Fensterrahmen einen Schimmer von Wärme und Freundlichkeit und erwecken schon von außen den Eindruck, daß man in ihnen gut müßte wohnen können. Als ich bei einem Aufenthalt in Lahti zum ersten Mal ein finnisches Haus betrat, überraschte mich neben der Freundlichkeit der Leute (trotz der Verständigungsschwierigkeiten!) die blendende Sauberkeit, und ich habe diesen Eindruck später, in Land und Stadt bestätigt gefunden. Spuren der jüngsten Vergangenheit, der Kriege gegen Russland, waren schon von der Bahn aus zu entdecken: die in niedergebrannten Gehöften und Ortschaften einsam starrenden Kamine.
Was ist die erste Fahrt durch Finnland erkennen ließ, habe ich später eigentlich immer nur bestätigt gefunden und nur in Einzelpunkten ergänzen können. So abwechslungsreich das Bild der finnischen Landschaft mit ihren vielfach ineinander greifenden und sich durchschneidenden Elementen Wasser, Wald, Feld und Felsen im einzelnen ist, so gleichförmig ist der Charakter der Landschaft im Großen, jedenfalls in dem Gebiet zwischen Helsinki und dem Ladogasee, das wir kennen lernten. Wir haben in den späteren Wochen vom Ladoga aus wunderbar schöne Landschaftsbilder gesehen, aber etwas grundsätzlich Neues haben sie uns nicht mehr gezeigt. Und so kommt zu der Herbheit dieser Landschaft ihre Gleichförmigkeit als ein Moment, das sicher mit dazu beiträgt, die Menschen zu formen. Allerdings muß ich außer den vier genannten Grundelementen noch ein sehr wesentliches nachtragen: den Himmel. Der Himmel Finnlands offenbart seine Schönheit nicht nur in so wunderbaren Naturerscheinungen wie Mitternachtssonne oder Nordlicht, sondern auch in ganz an alltäglichen Bildern. Ich denke an Sonnenaufgang oder -untergang, an Regenbogen, die ich nie so nahe, so frisch-unmittelbar gesehen habe wie dort, an die unerhört rasch wechselnden Wolkenbildungen, die von den sanftesten bis zu den gewaltigsten alle Gefühle und Stimmungen aufwecken. Ja, es ist, als ob man die Luft müßte malen können, so wie C. D. Friedrich es gekonnt hat, an den ich immer wieder habe denken müssen.
Während der ästhetische Eindruck der Landschaft auch als einmaliges Erlebnis Gültigkeit hat, kann man über die Nutzung des Landes durch den Menschen, über seine wirtschaftlichen Möglichkeiten erst nach längerem, wiederholtem Beobachten etwas aussagen. In einem Land zwischen 60 und 70° Breite mit seinem kurzen Sommer kann man keine hohen landwirtschaftlichen Erträge erwarten. Ein großer Teil des urbar gemachten Landes dient als Wiese der Viehzucht. Das Heu wird, wie bei uns der Klee, auf "Reitern" etwas einfacherer Bauart getrocknet. Überraschend war, daß man sogar Weizen anbaut. Die Hauptfrüchte sind allerdings Hafer, Roggen, Gerste, Kartoffeln. Auf den Feldern um unsere Landstellung in Jakkima hatte ich Roggen vergeblich gesucht und ließ mir dann sagen, daß im vorigen Herbst wegen des Krieges noch nicht bestellt werden konnte und man deshalb in diesem Jahr nur Sommerfrucht angebaut hatte. Die Ernte zieht sich oft bis weit in den Herbst hinein. Als wir im Oktober Taivallahti verließen, stand die Gerste noch auf Reitern auf dem Felde.
Daß in einem so wasserreichen Lande die Fischerei von Bedeutung ist, zeigte am Liegeplatz in Lahdenpohja der Fischmarkt, zu dem die Leute von den Dörfern zahlreich hereinkamen. Hier wurden die Fische an mehreren Morgen der Woche gleich vom Boot aus verkauft. Ich habe oft an dem bunten, malerischen Bild dieses Marktes meine Freude gehabt.
Der Wald ist die wichtigste Grundlage der finnischen Wirtschaft. Er liefert fast ausschließlich das Bau- und Heizmaterial. (Sogar die Lokomotiven führen Massen von Birkenscheiten auf dem Tender mit, und die Riesenstapel von Brennholz geben den Plätzen der Stadt Helsinki ein ganz eigenartiges Gepräge.) Der Wald liefert Beeren und Pilze in solcher Menge, daß der Reichtum nicht entfernt ausgenutzt werden kann. Er ermöglicht die Selbstherstellung vieler Gegenstände des täglichen Gebrauchs (die Jungen in Jakkima brachten uns die "mustikat" in schönen Täschchen aus Birkenrinde), und das Wichtigste: auf seinem Holzreichtum beruht der größte Teil der finnischen Industrie. Allerdings steht die für unsere Begriffe schlechte Pflege des Waldes in starkem Missverhältnis zu seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung. Offenbar ist der Reichtum so groß, daß man einstweilen noch nicht zu intensiver Volkswirtschaft gezwungen ist.
Während die ländlichen Bezirke zumal Ostfinnlands, die wir kennen lernten, die Landstädte eingeschlossen, in ihrer Urtümlichkeit und kulturellen Geschlossenheit auch durch die Industrieanlagen (Käkisalmi) nicht wesentlich beeinträchtigt werden, ist der Abstand der städtischen Kultur Helsinkis von der bäuerlichen des übrigen Landes riesengroß. Ich habe sehr bedauert, daß ich Viipuri und Turku nicht habe kennen lernen können, Orte, die organisch gewachsen sind, und überdies Städte mit einer Geschichte gegenüber dem geschichtslosen Helsinki. Wahrscheinlich hätte sich dann gezeigt, daß sie ein Bindeglied zwischen den ländlichen Bezirken und der Hauptstadt darstellen. Denn Helsinki ist nach seinem Stadtbild eine schnell gewachsene moderne Großstadt, nicht frei von ausgesprochen amerikanischen Zügen, im Laufe des 19. Jahrhunderts rasch entwickelt mit der finnischen Nationalbewegung, als Ausdruck des Willens der Finnen, den Anschluß an die Welt zu gewinnen. Wer von Reval herüber gekommen ist, noch erfüllt von diesem herrlichen Bild einer Stadt deutschen Gepräges, der wird von Helsinki sich vielleicht abgestoßen fühlen. Er wird die Stillosigkeit mancher repräsentativen Bauten empfinden und wird daraus schließen, daß die eigene Kraft nicht ausreicht für die gestellte Aufgabe und man daher zu "Auslandsanleihen" auf architektonischen Gebiet gezwungen war. Aber auch wer so über die Stadt urteilt, kann sich dem Eindruck der Großzügigkeit und des Schwunges, die im Stadtbild spürbar werden, nicht entziehen. Und wenn er dann in die Häuser und Lokale eintritt, wird er auch hier zwar viel "Amerikanisches" feststellen, aber er wird bald spüren, daß man in diesen Räumen sich wohlfühlen kann, und nach längerem Aufenthalt in der Stadt wird er vielleicht nicht mehr ohne Verständnis sein für den Stolz der Finnen auf ihre Hauptstadt. – Die Schwierigkeit der Verständigung zwingt den deutschen Beobachter meist, sich als stiller Beobachter die Menschen zu studieren, die in einem solchen Kavihla an ihm vorbeifluten. Dabei wird er bald herausfinden, daß die "Finnen" sich in zwei grundverschiedenen Typen darstellen. Somit stehen wie wir vor der zweiten der uns gestellten Fragen.
Als ich nach Finnland kam, kannte ich die Finnen von der Olympiade und den letzten Kriegen her, Die Finnen also, die der Führer mit dem Wort "Heldenvolk" gekennzeichnet hat. Andererseits wußte ich von der Sprachwissenschaft her, daß in der Wissenschaft die These von der mongolischen Herkunft der Finnen vertreten wurde. Mit dem Hinweis auf den starken schwedischen Bestandteil der Bevölkerung Finnlands kann man diesen Widerspruch nicht abtun, denn es wäre doch gar zu bequem, alles "Heldische" in der Leistung Finnlands den – nordischen – Schweden zuzusprechen, die eigentlichen Finnen aber daran für ganz unbeteiligt zu halten.
Jedem Besucher Finnlands fällt das Nebeneinander finnischer und schwedischer Volksteile auf, die späten schwedischen hauptsächlich im Westen und Südwesten, die Finnen am reinsten im Osten ansässig. In Helsinki sieht man beide Typen nebeneinander, und zwar schien es mir so, als ob die schwedisch-germanischen Typen mehr den höheren, die finnischen den tieferen Gesellschaftsschichten angehörten. Daß beide Bestandteile sich vielfach gemischt haben, ist natürlich. Trotzdem fallen die charakteristischen Merkmale der Finnen, die tief eingesattelte Nase, die schräggestellten Augen mit dem etwas stechenden Blick, auch die breiten Backenknochen, durchaus in die Augen. Die Frage ist bloß: wo stammt das Volk her? Sind das mongolische Züge? Oder haben die Finnen recht, die sich aus begreiflich im Gründen bemühen, die nordische Herkunft ihres Volkes nachzuweisen? Ist vielleicht die ost baltische Rasse die Stammutter des Finnentums? Oder sind die von uns als "finnisch" bezeichneten Merkmale gar nicht ursprünglich mit dem Typ des Finnen verbunden, sondern sind erst später aufgetreten durch Mischung mit den östlichen Nachbarn der Karelier? Ich kann auf diese Fragen keine Antwort geben. Vielleicht ist heute auch die Wissenschaft noch gar nicht in der Lage, hier ein begründetes Urteil zu fällen. Auch die Sprache, die von den europäischen stark abweicht und mit dem Estnischen und Ungarischen nahe verwandt ist, ermöglicht keinen sicheren Schluss.
Für uns war, wie gesagt, die Gelegenheit zum Zusammentreffen mit den Finnen sehr beschränkt, und auch in den wenigen Fällen, war ein näheres Kennenlernen durch die mangelnde mangelhafte Verständigung erschwert. Die einzigen Finnen, mit denen ich mich über das "hyvää päivää" [Guten Tag] und "näkemiin" [Auf Wiedersehen] hinaus unterhalten habe, waren eine Lotta, die etwas Deutsch verstand, in einer Bauern Familie nahe bei unserer Stellung in Jakkima, außerdem eine ältere Dame, Lehrerin, die an unserem Liegeplatz in Lahdenpohja ihr Sommerhaus hatte, und deren gelegentlich zu Besuch anwesende Nichte, die einmal in Deutschland gewesen war. Obwohl ich versucht habe, durch Lesen entsprechender Schriften diese schmale Grundlage meiner Finnlandkenntnis zu erweitern, werden meine Beobachtungen wohl weder vollständig noch unbedingt zutreffend sein.
Das finnische Volk ist in sich nicht einheitlich. Von der rassischen Verschiedenheit seiner Bestandteile sprachen wir schon. Auch daß zwischen Stadt und Land eine Kluft besteht, über die anscheinend fast keine Brücke führt, wurde vorher schon angedeutet. Eine dritte Spannung, die mehr auf seelischem Gebiet liegt, habe ich einmal von einem finnischen Verfasser in einer kleinen Broschüre aufgezeigt gefunden, der zwei Typen herausstellte: die "Rowdies" und die Pietisten. Den ersten Typ hat jeder von uns vielfach feststellen können, den zweiten habe ich nicht beobachtet, habe aber auch sonst von seinem Vorhandensein gehört. Der konfessionelle Gegensatz zwischen der überwiegenden evangelisch-lutherische Mehrheit und den wenigen orthodoxen Gemeinden in Karelien wird kaum sehr bedeutend sein. Daß die Mönche von Valamo sehr geachtet und verehrt werden, konnten wir uns selbst überzeugen, als eines Tages einige von diesen fremdartigen Erscheinungen dicht neben unserer Fähre ihr Boot bestiegen und mit größter Ehrerbietung von allen Finnen behandelt wurden. Ich habe oft gehört, Finnland hätte ein sehr reges kirchliches Leben. Davon habe ich bei den Bauern nichts beobachten können. Als wir in Helsinki an einem Sonntagvormittag mehrere Gottesdienste besuchten, fanden wir beim finnischen Gottesdienst eine bis auf den letzten Platz besetzte Kirche, dagegen schleppte sich in der sehr schwach besetzten schwedischen Kirche der Gottesdienst sehr mühsam und eintönig hin.
Spannungen und Gegensätze wie die erwähnten finden sich auch im deutschen Volke. Aber die Zustände in Finnland sind insofern anders, als da die Bestandteile ganz unvermittelt, ohne Übergänge nebeneinander stehen. Diese Aufspaltung des finnischen Volkes erklärt sich aus seiner Geschichte. Finnland hat so gut wie nie eine staatliche Selbständigkeit besessen. Es stand in Abhängigkeit entweder von Schweden oder von Rußland. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, als der russische Zar Alexander II. den Finnen eine ziemlich weitgehende Selbstständigkeit gewährte, entstand die finnische Nationalbewegung. Erst jetzt wurde das finnische Volk sozusagen entdeckt, wurden seine Leistungen in Geschichte, Dichtung, Kunst gesucht und ans Licht gezogen (vergleiche hauptsächlich die Zusammenfassung und Herausgabe des finnischen Nationalepos Kalevala durch Elias Lönnrot). Naturgemäß war die nationale Bewegung in erster Linie eine nationalsprachliche Bewegung, die das Finnische gegenüber dem beherrschenden Schwedisch durchsetzen wollte (was heute einwandfrei gelungen ist.). Aber es ist bezeichnend für die geringe Geltung, die die finnische Sprache damals hatte, daß die Nationaldichtung der Finnen, das Werk, dem ihre Nationalhymne entnommen ist "Fähnrich Stahls Erzählungen" von Runeberg, in dem finnische Heldentaten aus dem Krieg gegen Russland von 1808/09 in Balladenform erzählt werden, ursprünglich in schwedischer Sprache erschienen ist! Es ist begreiflich, daß ein so junges Volk noch nicht in sich zu einem vollständigen Ausgleich der Gegensätze kommen konnte. Es wäre deshalb sehr gewagt, wenn man versuchen wollte, den Nationalcharakter der Finnen zu umschreiben. Aber wir finden ohne Zweifel einzelne Wesenszüge des Finnen verkörpert in den Hauptgestalten der Nationaldichtungen. So viel man aus Nibelungenlied und Faust wichtige Wesenszüge des deutschen Menschen ableiten kann, so müssen uns auch Kalevala und Fähnrich Stahls Erzählungen finnische Wesensart offenbaren.
Der oft gebrauchte Vergleich des Kalevala mit dem Nibelungenlied ist sehr irreführend. Gewiß steht auch hinter ihm ein großer Kampf, zwischen Finnen und Lappen, aber das wird nur schwach angedeutet. Das Geschehen in diesem Epos ist viel "privater", es erhebt sich nicht über die Bauernwelt, es fehlen ihm die Weite und die Wucht, Monumentalität und schwere Tragik, auf denen die Wirkung des Nibelungenliedes beruht. Dagegen treten 2 Momente viel stärker als im Nibelungenlied hervor: die Naturschilderung (sehr bezeichnend für den Natursinn des eng mit ihr verbundenen lebenden Finnen) und, noch beherrschender, die Bedeutung des Zaubers in allen Spielarten. Man könnte danach das Kalevala viel eher mit der Edda als dem Nibelungenlied vergleichen, während der dargestellte Lebenskreis mit seinen Bräuchen wie Hochzeit usw. in mancher Hinsicht dem der isländischen Saga entspricht. Unter den Haupthelden der Dichtung vermißt man völlig den Typus, den ich in erster Linie erwartet hatte: den des kämpferischen Helden. Wäinämöinen, der weise Sänger und Zauberer, "brav und bieder" (singen bedeutet so viel viel zaubern, schaffen, z. B. "er sang sich in ein Boot"), Ilmarinen, der "wackere Schmiederw, eine Wielandähnliche Gestalt, aber wieder ohne dessen tragische Größe, schließlich, ganz überraschend, der immer ausgelassene Lemminkäinen, der in Einzelzügen an Don Juan erinnert: Das sind die Helden des finnischen Nationalepos! Auch Runebergs Lieder haben nichts von dem Übermaß der germanischen Heldenlieder an sich. Seine Helden sind Landsknechte, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es müsste lehrreich sein, neben Runeberg ein Werk ähnlicher Absicht aus der jüngsten deutschen Dichtung zu stellen, Witteks Buch "Männer". Ich glaube, es würde sich zeigen, daß Witteks Berichte in ihrer knappen, männlichen Art den germanischen Heldenliedern sehr viel näher stehen als die etwas langatmigen Lieder des schwedisch-finnischen Dichters.
Von zwei Ständen des finnischen Volkes haben wir während unseres Einsatz einen Eindruck bekommen, vom Bauern und vom Soldaten. Aus dem, was oben über die Wirtschaft des Landes gesagt wurde, ist schon klar geworden, wie zentral die Stellung des Bauern im finnischen Volksleben ist. Außerhalb der bäuerlichen gibt es, streng genommen, keine finnische Kultur. Sie ist die einzige natürlich gewachsene. Der finnische Bauer hat es nicht leicht. Bei ungünstigsten klimatischen Bedingungen muß er dem Boden die Frucht abringen. Kein Wunder, daß er genügsam ist und hart arbeitet. Die Strenge der ihn umgebenden Natur, die Abgeschlossenheit vieler Bauernhöfe mag eine Neigung zu Einspännertum und Grübelei (Pietisten) und das Wuchern zauberhafter Vorstellungen verstärkt haben. Im Übrigen verbindet der Bauer eine gewisse Geschäftstüchtigkeit mit großer Gastfreiheit. Im Hause herrschen Sauberkeit und Ordnung, und zu jedem, auch dem ärmsten Gehöft gehört das Sinnbild der Sauberkeit, die Sauna. Daß der Bauer immer bereit sein muß, für seinen Hof einzustehen und sich seiner Haut zu wehren, dafür spricht das Ehrenzeichen des finnischen Mannes, das Finnenmesser, Pukko, das der Bauer trägt wie der Soldat.
Den finnischen Soldaten haben wir nie im Kampfe gesehen, wir kennen ihn nur von den Straßen und Wirtschaften von LLandenpohja und Helsinki. Danach habe ich den Eindruck, dass das Soldatische in unserem Sinn, die Haltung und Disziplin, das Festgeprägte der soldatischem Form dem Finnen fehlt. Er ist weniger "Soldat" als Kämpfer, Freischärler könnte man sagen. (Der von einem Finnen gebrauchte Ausdruck "Rowdies" würde auf viele von ihnen passen.) Er ist wie geschaffen für den Kleinkrieg im karelischen Urwald, da kann er von seinem Instinkt sich leiten lassen, kann seine Wildheit und sein Draufgängertum betätigen und, wenn nötig, seine Zähigkeit im Aushalten. Mit ihm ist nicht Gut anbinden, weder im Kampf noch – in der Kneipe! Eine ursprüngliche, fast tierhafte Wildheit beherrscht ihn und zeigt sich vollends, wenn er im Rausch ist. Daß dieser Zustand nicht selten ist, beweisen außer unseren Beobachtungen auch manche Lieder in der Volksliedsammlung Kanteletar.
So wie jeder finnische Mann das Finnenmesser trägt, so ist eigentlich jeder Finne Soldat. In dem kleinen Land, das so viele harte Abwehrkämpfe hat führen müssen, wird noch viel mehr als bei uns das ganze Leben durch die Forderungen des Krieges geformt. Ich denke an die 16-jährigen Jungen, die in Lahdenpohja mit dem Karabiner auf der Schulter die Bahnübergänge bewachten, sehr mehr aber noch an die Lotta-Bewegung, den Dienst der Frauen für das kämpfende Volk. Es scheint, daß die harte Schule der schweren Kämpfe um die Freiheit in diesem Volke besondere Opfergesinnung geweckt und die Volksgemeinschaft gefördert hat. Das Verhältnis zwischen den deutschen und den finnischen Soldaten in der Etappe, wo wir es nur beobachten konnten, litt unter der schlechten Verständigungsmöglichkeit. Wo es zu Störungen kam, mag nicht selten die Eifersucht und Unbändigkeit der Finnen schuld gewesen sein.
Die Einstellung der Finnen zum Deutschen Reich ist meinen Eindrücken nach sehr verschieden. Einerseits spielt Deutschland in der Wirtschaft und Geisteskultur des Landes eine sehr wichtige Rolle. Die im allgemeinen sehr freundliche Stimmung uns gegenüber wird aus dem Bewußtsein stammen, daß man die wiedergewonnene Freiheit großenteils der deutschen Hilfe verdankt und auch für die Zukunft am Reich die sicherste Stütze besitzt. Andererseits wird aber gerade diese Dankesschuld als eine Last empfunden und als Beschränkung des Freiheitsstrebens, und so wird das Verhältnis im Alltagsleben nicht selten durch Kleinlichkeit und Eifersüchteleien getrübt.
Sehen wir auf die Gesamtleistung dieses kleinen Volkes, so können wir nur staunen und es bewundern, und das Führerwort vom "Heldenvolk" besteht zu Recht, wenn man sich nur davor hütet, das Wort "Held" zu sehr im Sinne des germanischen "Recken" zu fassen. Mir erscheint (und das ist nun allerdings eine reine Gefühlssache) die finnische Unbändigkeit und Wildheit nicht so sehr als Steigerung ins Übermenschliche wie in der Gestalt Hagens, sondern eher als ein instinktmäßiges Handeln, das dem Tierischen näher steht, und damit vielleicht doch als ein Beweis für asiatische Züge im Bild des Finnentums.
Verhältnismäßig kurze Zeit hat unser Einsatz in Finnland gedauert. Er hat uns mit einer ganz abliegenden Welt, wenn nicht vertraut, so doch bekannt gemacht. Nun liegt der lange Transport schon wieder hinter uns, wir parlieren jetzt Französisch so, wie wir vor einigen Monaten finnisch radebrechten, und wieder offenbart uns ein bisher fremdes Land seine Eigenart. Wer weiß, wieviele Länder wir so auf dem Kriegspfad noch durchziehen werden! Ich sehe in diesem Vertrautwerden des deutschen Soldaten mit den Ländern Europas und den fremden Erdteilen eine sehr wesentliche Grundlage für die spätere auf Aufbauarbeit. Hier gewinnt er nicht nur die sachlichen Kenntnisse, die später bei der Verwaltung der gewonnenen Gebiete einmal nützlich sein werden, es bildet sich auch in ihm ein "Europäisches Bewußtsein", wie ich das einmal bezeichnet fand, d.h. das Bewußtsein von der Verbundenheit aller europäischen Nationen auf Gedeih und Verderb und das Wissen um die Verantwortung des deutschen Führervolkes für dieses Europa.
Diesen Segen des Krieges wird allerdings nur der an sich erfahren, der sich ernstlich darum bemüht, die Länder und Völker, die der Krieg ihn kennen lehrt, in ihrer Eigenart zu erfassen und sich mit Ihnen wissens- und gefühlsmäßig vertraut zu machen.
Böhme, Uffz. L. 24915 (Paris)
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