Gertrud

 

Religionen und Christentum (Gertrud über ihr Gottesbild und ihre Gottesbeziehung)


Gertrud Luise Böhme, geboren am 27.11.1941 als viertes von fünf Kindern, war in ihrer Anpassungsbereitschaft auf ihre Weise etwas Besonderes in unserer Familie. Ihre Freundschaften, die sie stärker als alle anderen aus unserem Geschwisterkreis an ihre peer-group unter den Jugendlichen banden, prägten ihre Entwicklung. (Helmut war ebenfalls stark außerhalb der Familie engagiert, aber meist in führender Funktion als Organisator.)

Die wichtigste Freundschaft von Gertrud war sicher Ursula Quasthoff, die Wohlerzogene, die als Einzelkind bei ihrer Tante lebend, der Gefahr, in einem Familienclan stecken zu bleiben, nicht ausgesetzt war, dafür freilich ihrerseits die Vorzüge eine Familienlebens gern miterlebte.

Da gab es die Backfischallüren, die "Päuschen" (Leerstellen für nicht Gelöstes), die bei den Hausaufgaben gemacht wurden, die Freundschaftsringe und das - gewiss nicht einmal besonders ausgeprägte - Bedürfnis, mit der Mode zu gehen.

So ist Gertrud mir nicht nur als eine leichter als andere zum Weinen neigende, eine starke Abneigung gegen Fisch und Hammelfleisch entwickelnde Empfindliche, sondern auch als die zweieinhalb Jahre ältere "Führerin in die Welt" in Erinnerung.

Am sichtbarsten hat sich das darin niedergeschlagen, dass Gertrud, regelmäßig mit ihren Freundinnen im Schwimmbad sich treffend, ihren kleinen Bruder immer wieder mitnahm und ihm so auf Dauer doch die zureichende Gelegenheit zum Schwimmen üben verschaffte, die er durch eigene Initiative sicher nicht erreicht hätte.

In der Tanzstundenzeit und der weiteren Schulzeit bis zu Gerhards Abitur war sie mit Gerhard und seinen Klassenkameraden stärker verbunden, da sie gemeinsam in die Tanzstunde gingen. Ebenso ging sie wie Gerhard in den naturwissenschaftlichen Zweig und begründete dort wohl den Brauch, die Beste aus der Klasse zu sein, den die Familientradition die Tendenz hatte, schon weit früher begründet zu sehen.

Leitet das über zu ihrem erfolgreichen Start ins Studium, wo ihr nach zwei Einser-Referaten geraten wurde, das nächste Mal die Sache aber auch einmal auf eine andere Art anzugehen, auf die bisherige falle es ihr zu leicht, sich eine eins zu holen, so soll doch nicht vergessen werden, dass Gertrud, obwohl kaum sportlicher als ihre Geschwister, als einzige einigermaßen aktiv Freizeitsport betrieben hat: Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Schilaufen.

In den Aktivitäten, in denen bei uns anerkanntermaßen die Mädchen den Jungen voraus waren, Nähen etc., Basteln von Kleinkram wie z.B. den Apfelkernketten oder den Stoffpudeln (beides spezifische Gertrudmoden), Singen, Blockflöte spielen, war Elisabeth wohl meist eine Nasenlänge voraus, beim Strohsternebasteln wohl auch zwei, dafür erschien es bei Gertrud mehr in ihre anderen Fähigkeiten integriert und auch gefälliger.

Dass Gertrud davon profitiert hat, das zweite Mädchen und dadurch weniger der mütterlichen Eifersucht und Erziehungsanfangsfehlern ausgesetzt zu sein als Elisabeth, ist wohl offensichtlich. Ob ihre zumindest äußerliche Ähnlichkeit mit unserer Mutter (von mir schon "immer" empfunden, von anderen als mit den Jahren deutlicher hervortretend gesehen) ihr bei ihren Emanzipationsbestrebungen geholfen hat, ist wohl eher zu bezweifeln. Ganz gewiss aber ihre schlagfertige Intelligenz.

Als einen Schock hat Walter trotz aller Freundschaften Gertruds zuvor das Auftreten von Albrecht Diem empfunden, des Fremden aus der Ferne, an dem nun auch alles bewundernswert sein sollte. Die Entente cordiale zu seiner Schwester sah er hier besonders empfindlich getrübt. Dafür und für die recht deutliche Kritik, die Gertrud auf einmal an unserer Mutter übte, hatte er sehr wenig Verständnis. Später hat er sie als Spätphase des Emanzipationsprozesses von der Familie verstanden und erst von daher Gertruds eigene vorhergehende Leistung zu würdigen gelernt.

Emanzipation durch Anpassung (an andere), dieser Vorgang lässt dann auch Gertruds sprachliche Anpassungsfähigkeit in besonderem Kontext erscheinen. Klang sie doch am Telefon, wenn sie aus dem Schwabenland anrief, recht fremd, bis sie sich wieder mehr an unsere Sprechweise angepasst hatte. Nach wenigen Wochen Hollandaufenthalt berichtete sie von Schwierigkeiten beim Deutschsprechen nach der Rückkehr.

Mag anderes ausgelassen werden, so doch nicht Gertruds Phantasiegeschichten von Peer, dem Helden, der leidet und z.B. sich den Arm brach, wie Gertrud es sich selber wünschte. (Nach ihrem Unfall hat sie mit gebrochenem Bein, das mehrmals operiert werden musste, diese Phantasie allzu realistisch nacherlebt.)

Und woher kam diese emanzipatorische Energie? Nicht zuletzt daher, dass in der christlichen Jugendarbeit mit Fräulein Herziger, dann Achim Freitag und später dann Fräulein Spellenberg vom Diakonischen Jahr von außen Autoritäten auftraten, die einen Bezugspunkt außerhalb der Familie boten und zum Teil ganz aktiv Selbständigkeit erleichterten. So, wenn Einfluss auf Direktor Laupard genommen wurde, der seinerseits Kontakt zu Mutter aufnahm, um für aushäusige Aktivitäten Gertruds Erlaubnis zu erwirken.

Dann Gertrud als Aquela, Mutter der Wölflinge der christlichen Pfadfinder.

Einschneidende Erlebnisse für Gertrud: Der Unfall von 1966 in Tübingen mit Beinbruch, Nagelung, die zu verdrehtem Unterschenkel und damit Knie führte, Nachoperation und Verschraubung in Hessisch-Lichtenau. Gertrud erinnert sich an das Vierteljahr, das sie dort verbrachte, durchaus positiv als an eine Zeit des Lesens, der Ruhe, der Selbstreflektion, der intensiven Gespräche, damit aber auch eines Draußenseins, einer Art Zauberberg.

Dann der Unfall ihrer Familie am 8.7.88, von dem sie zu einem neuen Leben aufgestanden ist, einem Leben, in dem ihr ihre Kinder und Albrecht aber weiterhin wichtige, nicht verschwiegene Begleiter oder - vielleicht besser gesagt - Angehörige sind.

Von 2012 aus gesehen gerät für mich stärker in den Blick, dass Gertrud als einzige von uns Geschwistern Ehefrau und Mutter war, leider nur für gut 18 Jahre. Doch hat diese Zeit sie entscheidend geprägt.

Wohl hat sie manches Mal darunter gelitten, dass Albrecht und seine Mutter sie gern stärker ihren schwäbischen Idealvorstellungen angepasst hätten, doch die Rolle als Ehefrau und Mutter hat sie nicht als Beeinträchtigung ihrer Selbstverwirklichung gesehen, sondern eher als deren Erfüllung, so dass sie über den Verlust dieser Rollen nur schwer hinweggekommen ist, so sehr sie in ihren gesellschaftlichen Aufgaben und Verpflichtungen aufgeht. Emanzipation hat sie nicht von der gesellschaftlichen Frauenrolle gesucht, sondern von ihrer Herkunftsfamilie und der Familie ihres Mannes, deren Lebensgrundsätze sie nicht einfach an die Stelle ihrer eigenen treten lassen wollte.

Vielmehr hat sie gelegentlich von erfolgreichen "Missionierungsversuchen" bei Albrecht und - besonders bemerkenswert - bei ihrer Schwiegermutter berichtet, die nach und nach davon überzeugt werden konnte, dass auch Katholiken und sogar Juden in den Himmel kommen können.

Als Mutter verstand es Gertrud, die Schwächen ihrer Kinder oder das, was manche Außenstehende dafür hielten, zu lieben. Und sie liebte auch an beiden ihre so unterschiedlichen Stärken: an Tilman den ausgeprägten Individualismus, das Verantwortungsbewusstsein, die Selbstreflexion und den kritisch würdigenden Blick auf andere (fachliche Beurteilung der Lehrerleistung schon im Grundschulalter), an Florian das "Genie der Freundschaft" und die Fähigkeit, zu genießen und glücklich zu sein.

Was kann ich über die 23 Jahre sagen, die Gertrud als Alleinstehende gelebt hat?

Da sind einerseits ihre Aktivitäten, die ihr den Verlust der Familie erträglicher machen sollen: Coronargruppe, meditatives Tanzen, Flötenkreis, russischer Chor.

Dann die, die sie schon in der Familienzeit hatte ausüben können, freilich nur in wechselnder Intensität: Kirchenchor, Kammerchor und kirchliche Aktivitäten.

Daneben die, die teils der Gesundheit, teils des Vergnügens wegen betrieben werden: Lauftreff und Wanderungen.

Schließlich die sozialen Aktivitäten zur Unterstützung Benachteiligter und zur kulturellen Annäherung und Verständigung: Betreuung von Asylbewerbern (insbesondere die Fortführung der in Amnesty-Zeiten entstandenen Kontakte), der christlich-islamische Gesprächskreis*, der dank Gertruds Dokumentation jetzt mit einem Preis ausgezeichnet wurde, die Partnerschaft mit der weißrussischen Gemeinde.

Bei den privaten Kontakten gilt, dass sie umso intensiver werden, je mehr die/der andere der Hilfe bedarf.


*"[...] Das Begegnungsprojekt, das zusammen mit der katholischen Kirchengemeinde St. Josef und der Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg e.V. in Esslingen veranstaltet wird, wurde 2010 mit dem mit dem Intra-Projektpreis für Komplementarität der Weltreligionen ausgezeichnet, der jährlich an Projekte oder Personen vergeben wird, die sich der Verständigung zwischen den Religionen widmen. [...] (15 Jahre "Begegnen - Entdecken - Bereichern")





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